Europa muss bei IKT die letzte Chance ergreifen

06.09.2013 , by Helmut Fallmann    

Die Aussage, wonach Europa im massiven Wettbewerb mit der US-Wirtschaft und den Schwellenländern wie dem neokapitalistischen China, Brasilien, Indien oder auch Südafrika steht, ist mittlerweile sattsam bekannt. Aber was ist zu tun?

Klar scheint: Europa muss sich auf seine Stärken aus innovativer Ingenieurskunst und besten Bildungsstandards besinnen und die kulturelle sowie soziale Vielfalt rasch für den ökonomischen Aufbruch ins neue Jahrtausend nutzen.

Europäische Kooperation muss endlich mehr sein als ein Schlagwort. Die Nationalstaaten müssen gesamteuropäisch denken und handeln. Dann kann Europa seine industrielle Autonomie zurück gewinnen und in Konkurrenz zu den führenden Weltwirtschaftszonen wieder Terrain für seine intelligenten Produkte und Dienstleistungen erobern.

In der jüngeren Wirtschaftsgeschichte Europas gibt es Beispiele, wie einst florierende Industriezweige wie die Textilwirtschaft oder national etablierte Soft- und Hardware-Hersteller durch falsche politische Intervention sowie durch protektionistische Maßnahmen zuerst ausgehöhlt wurden, um wenig später ganz vom Weltmarkt zu verschwinden.

Europäische Vision und politischer Mut

Allerdings gibt es auch ein positives Beispiel, das zeigt, was mit kühner europäischer Vision und politischem Mut zu bewegen ist. Im Jahr 1972 hielt die US-Industrie für Großraumflugzeuge mit DcDonnell Douglas und Boeing rund 85 % des Weltmarktanteils. Der vormalige deutsche Verteidigungsminister und spätere bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß gab damals mit einem glühenden Appell den Startschuss für das heutige europäische Vorzeigeprojekt „Airbus Industries“ . Die Gründung dieses europäischen Gemeinschaftsunternehmens war nach Ansicht von Strauß die „allerletzte Chance“ Europas, bei der Produktion von Großraumflugzeugen langfristig wieder mit den Amerikanern mithalten zu können.

Heute stehen wir vor allem in der „General Purpose Technologie“ IKT vor einer ähnlichen Situation. Die US-Giganten Amazon, Apple (Anmerkung: Apple wurde erst im September 2013 zum wertvollsten Unternehmen der Welt gekürt), Facebook und Google beherrschen den globalen IT-Markt und zensieren, wie kürzlich medial so treffend formuliert wurde, als Sheriffs die Welt. Kein Wunder, laufen doch 80 % des grenzüberschreitenden Datenverkehrs über die USA. Zu allem Überdruss sorgen politisch motivierte Sicherheitsdoktrinen dafür, dass Industriegrößen sich in die Rolle von Zensurmaschinen zwingen lassen.

IKT-Innovationen

Viele innovative Technologiefortschritte gehen heute von IKT aus. So hat z.B. Google mit seinem „Driverless Car“ 2010 rund 300.000 Meilen unfallfrei auf US-Straßen zurückgelegt. Das Beispiel zeigt, dass sich die IKT-Industrie in den USA bereits auffällig für Lösungen mit einem hohen zukünftigen Marktpotenzial in Stellung gebracht hat.

Für Europa ist es höchste Zeit zu reagieren und die Weichen in Richtung Kooperation zu stellen. Nicht nur vor dem Hintergrund der jüngsten Datenskandale, sondern vor allem ökonomisch macht eine Gemeinschaftsanstrengung bei Zukunftstechnologien, allen voran der IKT, Sinn. Die EU-Kommission in Brüssel plant daher konsequenterweise bereits ein europäisches Internet.

Gerade die Informations- und Kommunikationswirtschaft braucht eine zweite „Airbus“-Vision, nämlich eine autonome europäische IKT-Industrie, die auch ausbildungsadäquate Arbeitsplätze schaffen kann. Dann würden sich Klagen über fehlende IT-Spezialisten in Europa und die Abwanderung der besten Köpfe nach Übersee wohl bald erledigen.

Die Harmonsierung und verstärkte europäische Zusammenarbeit bei IKT fiele in vielerlei Hinsicht auf fruchtbaren Boden. Amazon hat vorgezeigt wie etwa Multi-Vendor-Plattformen aussehen. Und Google hat seine Search-Engines universalisiert. Mit der Etablierung eines europäischen Internets werden die meisten Verkehrsströme autonom von Infrastrukturen in den USA über ausschließlich europäische Knoten geroutet. Diese Szenarien bieten Technologieentwicklungen wie Cloud Computing optimale Einsatzbereiche für produktivere Services.

Um integrative Cloud Services verwirklichen zu können, müssen die europäischen Anbieter konzertierte, gemeinsame Wege gehen. Nur so wird eine Stärkung der europäischen IKT im Weltmaßstab möglich sein.

Etablierung europäischer Werte

Ich plädiere daher für „United Clouds of Europe“ und für die Etablierung europäischer Werte, Normen und Standards. Wir müssen gerade bei den Cloud Services herkömmliche IKT-Komplexität reduzieren und daher den Fokus unserer Bemühungen mehr auf Business-Anforderungen anstatt auf Technologien legen.

Zum konzeptiven Grundinventar einer „United Clouds of Europe“-Strategie zählt für mich die Rechtssicherheit für die Benutzer von Cloud-Diensten. Diesen Anspruch wünsche ich mir durch zertifizierte Mindeststandards bei Infrastruktur, Datensicherheit, Datenschutz, Betrieb und bei Service Levels einzulösen. Einheitliche Nutzungsverträge und anwendbares europäisches Gemeinschaftsrecht sind weitere Puzzlesteine für einen erfolgreichen Cloud-Roll-out in Europa. Und natürlich muss die Datenhaltung bei europäischen Cloud-Anbietern in europäischen Rechenzentren erfolgen. Die Unterstützung sämtlicher EU-Sprachen und Barrierefreiheit sollten in Europa ohnehin eine Selbstverständlichkeit sein.

Technologisch ist die europäische Cloud-Industrie nicht im Hintertreffen. Was fehlt, ist die Verzahnung aller europäischen Cloud-Akteure und gemeinsame Anstrengungen zu einer schlagkräftigen Monetarisierung und Distribution der Angebote in Europa und auf Drittmärkten. Der Schlüssel für die Zukunft der europäischen IKT liegt daher bei „United Clouds of Europe“.

Europäische Vision, IKT-Innovation, europäische Werte

 

 

 

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