Europäischer Industriestandort in Gefahr

12.07.2013 , by Helmut Fallmann    

Informationstechnologie ist heute das unverzichtbare technische Fundament für alle Wirtschaftszweige. Die Vereinigten Staaten von Amerika dominieren seit Jahrzehnten diesen Markt und haben ihre uneingeschränkte Vormachtstellung mit dem Aufkommen neuer Datenspeicherungs- und -bereitstellungsmodelle wie Cloud Computing in jüngster Zeit noch massiv ausgebaut. Daher läuft der Großteil der weltweiten Internet-Infrastruktur in den USA zusammen. US-amerikanische IT-Giganten haben im globalen Maßstab das Gros an Hard- und Software für netzbasierte Services und elektronische Datenverarbeitung in der Hand. Amerika ist den Europäern bei kostengünstiger Datenhaltung auf Cloud-Plattformen, die den Kunden einen einfachen Zugang zu allen erdenklichen IT-Anwendungen bieten, um Meilen voraus.

Dieses unangefochtene Leadership der USA bringt den europäischen Wirtschaftsstandort ernsthaft in Gefahr. Mit dem Verschwinden eigener renommierter IT-Marken und mit der nahezu kampflosen Preisgabe des derzeit wohl lukrativsten Zukunftsgeschäftes Cloud Computing geht die amerikanische Konkurrenzlosigkeit ungebremst weiter. Neben den fatalen Folgen für die Entwicklung anderer europäischer Industriesegmente, hat die Monopolstellung der USA massive Auswirkungen auf demokratische Errungenschaften wie den Schutz der Privatsphäre oder den Datenschutz.

Die jüngst im medialen Fokus stehenden Nachrichten um die gigantische Bespitzelung und Auskundschaftung europäischer Unternehmen und Bürger durch US-Geheimdienste wie NSA haben das Thema des Verlustes der IT-Hoheit in Europa in einem anderen, aber kaum weniger bedenklichen Zusammenhang ins öffentliche Bewusstsein gerufen. Wie Edward Snowdon aufzeigte, wurden über Jahre nahezu alle personenbezogenen Daten von europäischen Bürgern und geheime Transaktionsdaten europäischer Unternehmen von US-Security Einrichtungen systematisch aufgezeichnet. 

Jetzt ist es aus europäischer Sicht Zeit zu handeln. Und das in doppelter Hinsicht! Europa kann nur mit einer gemeinsamen IT-Strategie verlorenes Terrain zurückgewinnen. Mit der 2020-Initiative „Digital Agenda for Europe“ hat die Europäische Union gegen die bisherigen Defizite im IT-Segment eine klare Strategie formuliert. Und unter diesen Schirm sollen verstärkt ultraschnelle Internetverbindungen, sprich eine eigene IT-Infrastruktur, weiter ausgebaut werden und auch die Zukunftsfelder dieser ökonomischen „Herzschlagader“ mit aller Intensität in Forschung & Entwicklung bearbeitet werden.

Cloud-Anbieter mit europäischer Wertschöpfung

Was wir infrastrukturell brauchen ist „United Clouds of Europe“, eine kontinentweite, einheitliche Plattform für Speicherung und Bereitstellung von elektronischen Daten aus verteilten und virtuellen Serverlandschaften. Dabei geht es um die technologische Spezifizierung und Standardisierung sowie um sichere und gemeinsame Vertrags- und Verfahrensregeln zur Art der Datennutzung und Datenspeicherung sowie zur Eigentümerschaft an ausgelagerte Daten. Von besonderer Bedeutung ist, dass Cloud-Anbieter Kundendaten nur in europäischen Rechenzentren lagern und höchste Sicherheitsstandards zum Schutz digitaler Identitäten zur Anwendung gelangen. Mit flankierenden gesetzlichen Maßnahmen, welche die Preisgabe von Kundendaten an Dritte wie z.B. ermittelnde Behörden exakt regeln, sollte es möglich sein, dem Datenklau als arbiträrem Datenmissbrauch künftig einen Riegel vor zu schieben. Mit Technologieoffenheit und bester Interoperabilität wird der europäische Cloud-Markt mit der Zeit Kontur gewinnen und die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen IT-Industrie wieder stärken.Der Bereitstellung von IT-Diensten aus der Wolke kommt in diesem Szenario in den nächsten Jahren eine prominente Rolle zu. In der Kommission geht man davon aus, dass das Potenzial von Cloud Computing bei mehreren hundert Milliarden Euro liegt und der Paradigmenwechsel von Client-Server-Architekturen hin zur Cloud Millionen neue Jobs in allen Wirtschaftsbranchen kreieren wird. Europa braucht jetzt wie nie zuvor europäisches Denken und gemeinsames Handeln. Nur mit einer entschlossenen Strategie zur Rückgewinnung von mehr Autonomie in der IT und mit den erforderlichen eigenen Ressourcen bei Cloud Computing kann Schlimmeres abgewendet werden. Wenn aber die Länder der Union an einem Strang ziehen, bin ich überzeugt, dass unser Kontinent bis zum Jahr 2020 ein Comeback auf der Bühne der Weltwirtschaft schaffen kann.

„United Clouds of Europe“ ist ein Gebot der Stunde!

United Clouds of Europe

 

 

 

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